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Allgemein Gitarre

Die klassische Tradition

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die klassische Gitarre, wie wir sie heute kennen. Der spanische Gitarrenbauer Antonio de Torres Jurado (1817-92) experimentierte mit der bereits bestehenden Konstruktion und ihren Dimensionen und erschuf so den Typus eines Instruments, das bis zum heutigen Tag existiert. Francisco de Tärrega (1852-1909) war schließlich der erste berühmte Musiker, der dieses neu entworfene Instrument spielte. In seinen Händen erklang die Gitarre zum ersten Mal als eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die anerkannten Orchesterinstrumente. Ohne die Arbeit dieser beiden Männer wäre die Entwicklung der klassischen Gitarrentradition sicherlich anders verlaufen.
Antonio de Torres Jurado wurde 1817 im spanischen Almeria geboren. 1840 zog er nach Sevilla und errichtete dort seine Werkstatt. Er experimentierte mit neuen Dimensionen und Produktionstechniken, die die Zukunft des Instruments auf revolutionäre Weise beeinflussen sollten. Torres vergrößerte die Breite des Halses auf fünf Zentimeter (am Sattel), und erleichterte so, die Töne sauber zu greifen. Die Saitenlänge bzw. Mensur wurde ebenfalls vergrößert und auf 65 Zentimeter festgelegt. Er überarbeitete die Konturen und Proportionen des Korpus, und entwickelte eine revolutionäre Idee von Pages weiter: Um das Schall-Loch wurden auf der Rückseite der Decke sieben Holzverstrebungen fächerförmig angebracht. Außerdem führte Torres den Stegsattel ein, an dem die Saiten befestigt werden. In den letzten zehn Jahren vor seinem Tod schuf Torres so den Prototyp der modernen klassischen Gitarre.

Francesco de Tärrega trug dann dazu bei, diesem Instrument Ansehen zu verschaffen. Tärrega, der klassisches Piano am Konservatorium von Madrid studiert hatte, war der erste große Gitarrenvirtuose. Er komponierte zudem eine Vielzahl romantischer Stücke und transkribierte viele volkstümliche Klavierstücke für die Gitarre. Dennoch wirkte er in erster Linie durch seine Lehrtätigkeit – Tärrega schuf die Grundlagen der modernen klassischen Spieltechnik. In seiner Zeit entstand die heute übliche Haltung, denn die Vergrößerung des Gitarrenkorpus durch Torres machte es bequemer, die Gitarre auf das linke Bein zu stützen. Zudem veränderte er das Spiel mit der rechten Hand: nun stützte man diese nicht mehr mit dem vierten Finger neben dem Steg ab, sondern hielt die ganze Hand ruhig darüber.

Das frühe 19. Jahrhundert brachte das bemerkenswerte Werk von Fernando Sor (1778-1839) hervor. Der virtuose Gitarrist, der Konzertreisen in ganz Europa unternahm, veröffentlichte 1830 seine berühmte Methode pour la Guitarre. In seinem ereignisreichen Leben komponierte er über 60 Stücke. Im Gegensatz zu den oft sehr simplen Werken früherer Komponisten werden viele Stücke von Sor noch heute aufgeführt.

Obwohl einige der besten Gitarristen des frühen 20. Jahrhunderts Schüler von Tärrega waren, machte derautodaktische Musiker Andres Segovia die Gitarre zu einem international anerkannten Instrument.

Segovia verfeinerte Tärregas Spieltechniken weiter und geisterte bei Bühnenauftritten in aller Welt sein großes Nikum. Die Berühmtheit führte dazu, dass das Repertoire an Gitarrenwerken größer und größer wurde: Bekannte Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Roussel, Rodrigo, Ponce d Castelnuovo-Tedesco komponierten extra für ihn.

Segoviabeeinflusste zudem durch seine Meisterklassen im italienischen Siena eine neue Generation klassischer Gitarristen wie John Williams.

Die Renaissance der Gitarre im 20. Jahrhundert schlug sich auch in den Musikakademien nieder: Am Beispiel des prestigereichen Londoner Royal College of Music lässt sich sehen, wie spät die Gitarre als klassisches Instrumentalfach anerkannt war: dort steht es erst seit 1960 auf dem Lehrplan.

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