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Gitarren in Amerika

Die Gitarre ist ohne Zweifel das bedeutendste Instrument der Populärmusik des 20. Jahrhunderts. Ob Folk, Country und Western oder Rock und Pop – jede Stilrichtung wurde im Laufe der Zeit von ihr beeinflusst. Ihre Entwicklung und Verwurzelung in der Musikgeschichte kann am besten in den Vereinigten Staaten von Amerika zurückverfolgt werden. Während in Spanien eine klassische Revolution stattfand, wurde auch in Amerika Geschichte geschrieben: Dort prägten allerdings die Erfindungen zweier bedeutender Personen der Gitarrengeschichte unterschiedliche Stilrichtungen: C. F. Martins »Flattop«-Gitarren und Orville Gibsons »Archtop«-Modelle.
DIE MARTIN-TRADITION

Christian Frederick Martin stammte aus einer traditionsreichen Geigenbauerfamilie. Er wurde 1796 im deutschen Markt Neukirchen geboren. Im Alter von 15 Jahren zog er nach Wien, wo er bei dem berühmten Instrumentenbauer Johann Stauffer in die Lehre ging. Als er nach Deutschland zurückkehrte, um seine eigene Werkstatt zu eröffnen, geriet er in einen Rechtsstreit konkurrierender Gilden. Seine Familie gehörte seit langem der Zunft der Gitarrenbauer an. Da die Violinenbauer aber den Wettbewerb einschränken wollten, versuchten sie ein Monopol zu erlangen und anderen Gilden die Herstellung von Musikinstrumenten verbieten zu lassen. Obwohl die Violinbauer in diesem Streit unterlagen und Martin im Geschäft bleiben konnte, beschloss er auf Grund dieser Ereignisse nach Amerika auszuwandern. Nach seiner Ankunft in New York 1833 gründete er bald ein bescheidenes Musikgeschäft mit einer
Christian Frederick Martin (1796-1867)

kleinen Werkstatt im Hinterraum. Seine ersten Instrumente tauschte er oft gegen andere Güter ein. Martin war enttäuscht vom Leben in New York, und so verkaufte er sein Geschäft 1838 und zog in die Nähe von Nazareth im Bundesstaat Pennsylvania. Dort konzentrierte er sich auf die Herstellung von Musikinstrumenten.

Frühe Martin-Gitarren wurden auf Bestellung handgefertigt und hatten wenig standardisierte Merkmale. Eines der wenigen Kennzeichen waren die ungewöhnlichen Wirbelbretter im Stauffer-Stil, bei dem alle Wirbel auf einer Seite angebracht waren. Ungewöhnlich an den ersten Martin-Gitarren war auch ein einstellbarer Hals. Dieser wurde bis 1890 verwendet, als Stahlsaiten die Darmsaiten ersetzten und dadurch eine stärkere Spannung auf die Verbindungsstelle zwischen Hals und Korpus ausgeübt wurde. In den 1850er Jahren entstand seine größte Innovation – das so genannte »X-bracing System«, Verstrebungen, die X-förmig unter der Decke angebracht wurden und einen veränderten Ton erzeugten.

Nach dem Tod von C. F. Martin 1867 führte dessen Familie sein Werk über mehrere Generationen hinweg fort. Unter der Leitung seines Enkels Frank Henry wurden einige der innovativsten Produkte entwickelt. 1916 entstand der »Dreadnought-Stil« mit breitem Korpus. Dieser Typus mit höherer Lautstärke und starken Bässen galt als ideales Begleitinstrument für Sänger. Auch wenn die serienmäßige Herstellung erst 1930 begann, wurde er bei Folk- und Country Sängern schnell sehr beliebt. 1929 führte Martin außerdem den 14-bündigen Hals ein. So vergrößerte er den Tonumfang der Gitarre und machte sie vielfältiger einsetzbar. Dieses so genannte »Orchestra Model« wurde bald zum Standarddesign amerikanischer Gitarren.

Ab 1930 war das Unternehmen Martin weltweit berühmt für seine akustischen Flattop-Instrumente. In den 1960er Jahren war die Nachfrage nach Martin-Gitarren bereits so groß, dass die Lieferzeit im Schnitt drei Jahre betrug. Auch wenn andere US-Hersteller wie Gibson und Guild gute akustische Fiattop-Gitarren produzierten, bleibt doch der Name Martin am engsten mit diesem Instrument verbunden.

ORVILLE GIBSON UND DIE ARCHTOP-TRADITION

Der andere große Name in der amerikanischen Gitarrengeschichte ist Orville Gibson. Geboren 1856 als Sohn britischer Einwanderer, war Gibson nicht nur ein begabter Holzschnitzer, sondern auch ein sehr guter Mandolinenspieler. In den 1890er Jahren verband er diese beiden Fähigkeiten und entwickelte eine neuartige Gitarre, deren Herstellungsweise eher der des Geigenbaus entsprach. Diese Instrumente hatten gewölbte Decken und (anfangs) ovale Schalllöcher. 1902 gründete er mit dem Kapital mehrerer Geschäftsleute in Kalamazoo, Michigan, die Gibson Mandolin-Guitar Manufacturing Company. Bis zu seinem Tod 1918 genoss seine Gesellschaft einen Ruf, der nur mit dem Martins vergleichbar ist.

Auch nach dem Ableben des Firmengründers blühte das Geschäft weiter. Es spielte bei mehreren Entwicklungen in den 1920er Jahren eine aktive Rolle und sollte die Zukunft der Gitarre entscheidend mit beeinflussen. Eine Schlüsselfigur in dieser Zeit war der Ingenieur Idoyd Loar. Er war einer der Ersten, der mit elektronischen Pickups experimentierte – auch wenn diese Entwicklung erst im nächsten Jahrzehnt wichtig wurde. 1924 war er aktiv an der ersten wirklich legendären Gitarrenproduktion beteiligt: der Gibson L-5. Das ovale Schallloch wurde durch zwei F-Löcher im Violinenstil ersetzt, und die L-5 hatte einen Verstellstab, den truss rod, der dem Hals zusätzlich Stabilität verlieh. Diese Gitarre war so erfolgreich, dass sie innerhalb weniger Jahre das Banjo als Rhythmus-instrument in allen Tanzbands ersetzte.

Weitere Innovationen folgten, als Gibson elektrische Versionen der Standard-Archtops auf den Markt brachte. Die Erste war 1935 die EW-150 mit Einzel-Pickup. Als am Ende des Jahrzehnts die Gitarre immer mehr als Soloinstrument eingesetzt wurde, kamen die L-5 und die Dreadnought Super 400-Modelle mit einem niedrigeren Korpus und Cutaway heraus, so dass 17 oder 18 Bünde bequem erreichbar waren.

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